Deokristalle

Was sind Deokristalle und die Unklarheit mit dem Aluminium

Author

Dr. Lisa Dinh

Lesedauer: 7:18 min

Letzte Änderung: 15.03.2020.

Ein Geruch nach Schweiß ist sehr unangenehm, sowohl bei anderen, als auch bei sich selbst. Daher gehört der Gebrauch von Deodorants für die meisten Menschen sicherlich zur alltäglichen Körperpflege.

Grundsätzlich lässt sich die Funktionalität von Deos zwei Zielen zuordnen: der Neutralisierung bzw. Überdeckung des unangenehmen Schweißgeruches und der Reduktion des Schweißflusses selbst. Letzteres erfolgt ausschließlich bei antitranspirant wirkenden Deos. Laut Stiftung Warentest sind die einzigen Substanzen, die nachhaltig antitranspirant wirken Aluminiumsalze. Sie bewirken einen zeitweiligen Verschluss der Schweißdrüsen und vermindern dadurch die Sekretion von Schweiß deutlich.

Da Aluminiumsalze aber nicht unumstritten sind, darf ihre Konzentration in flüssigen Deos nicht höher als bei 7% liegen. Anders sieht es bei festen Deos, sogenannten Deokristallen aus. Hierbei handelt es sich um häufig als natürlich angepriesene Salzkristalle, in denen ein Aluminiumgehalt von bis zu 30% nachgewiesen werden konnte. Aber was hat es eigentlich mit dem Aluminium genau auf sich?

Vorkommen und Wirkung von Aluminium

Aluminium ist das dritthäufigste Element der Erde und das häufigste Metall. Natürlicherweise kommt es nicht in seiner Reinform vor, sondern in unterschiedlichen Verbindungen. Die häufigsten sind mineralische Aluminiumsilicate oder Bauxit. Letzteres wir auch als Aluminiumerz bezeichnet und stellt das einzige wirtschaftliche Ausgangsmaterial zur Aluminiumproduktion dar. Wir kennen Aluminium meist in metallischer Form, als Alufolie oder Leichtmetall im Fahrradrahmen. Eine weite Verwendung finden aber auch seine Salze.

In Deodorants wird sehr häufig chloriertes Aluminium, sogenanntes Aluminiumhydoxychlorid verwendet. Dieses Salz bewirkt in der passenden Konzentration einen leichten Wasserentzug aus der Haut, der zu einem Zusammenziehen der Hautporen führt. Anschließend legt sich das kristallisierte Salz selbst wie ein Netz über die Poren. Beides führt dazu, dass deutlich weniger Schweiß abgegeben werden kann. Der Effekt ist temporär und die Poren öffnen sich auch ohne abwaschen der Salze nach wenigen Stunden wieder. Durch die austrocknende Wirkung auf die Haut, die allen Salzen gemein ist, werden den Deos in der Regel leicht fettende Substanzen hinzugefügt. Dadurch wird eine zu starke Reizung der Haut verhindert.

Diese reizende Wirkung ist aber nicht der einzige Grund, weswegen die Verwendung von Aluminiumsalzen in der Kritik steht. Aluminium kann, besonders bei frisch rasierter und damit oberflächlich leicht verletzter Haut, aufgenommen werden und so in den Körper gelangen. In welchem Ausmaß diese Aufnahme erfolgt, darüber sind sich die Experten uneins. Es scheint individuell sehr unterschiedlich zu sein und von unterschiedlichen weiteren Faktoren abzuhängen. Stiftung Warentest rät aber eindeutig davon ab, aluminiumsalzhaltige Deos unmittelbar nach einer Rasur der Achseln zu verwenden. Denn über eines sind sich alle Experten einig: eine zu hohe Aufnahme von Aluminium kann dem Organismus massive Probleme bereiten.

Aluminium ist in hohen Dosen potentiell gesundheitsschädlich

Anfang der 1970er Jahre wurde das Blutplasma von Dialyse-Patienten mit Aluminium angereichert, da die verwendeten Flüssigkeiten damals große Mengen Aluminium enthielten. Dialyse-Patienten haben eine starke Funktionsstörung ihrer Nieren. Dadurch kann ihr Blut nicht richtig gereinigt und entgiftet werden. Während gesunde Menschen eine hohe Aluminiumdosis im Körper zu großen Teilen (nicht vollständig) über den Urin ausscheiden, konnte dieser Schutzmechanismus bei den Dialyse-Patienten nicht greifen. Die Folge war eine schleichende, aber drastische, Anreicherung von Aluminium im Körper der Patienten, in erster Linie im Gehirn. Dort löste es unspezifisch Entzündungen aus, die zu neurologischen Ausfallerscheinungen unterschiedlichster Art bis hin zur irreversiblen Demenz führten. Nachdem Aluminium als Auslöser dieser Störungen ermittelt wurde, wurde die Zusammensetzung der Dialyseflüssigkeit verändert. Seitdem tritt diese, als Dialyse-Encephalopathie bekannte, Komplikation nicht mehr auf.

Diese Beobachtungen und die Tatsache, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten ein erhöhtes Vorkommen unter anderem von Aluminium nachgewiesen werden konnte, führten zu der Annahme, dass Aluminium auch an der Entstehung der Alzheimer-Krankheit beteiligt sein könnte. Ein wirklicher Zusammenhang konnte bis heute aber nicht zweifelsfrei geklärt werden, da Untersuchungen zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Auch in diesem Punkt sind sich die Experten uneins.

Eine Krankheit, die ebenfalls immer wieder mit Aluminium in Zusammenhang gebracht wird ist Brustkrebs. Aber auch hier sind die Ergebnisse nicht eindeutig und die Experten streiten sich. Britische Studien aus den 2000er Jahren konnten erstmals zeigen, dass in Tumorgewebe von Brustkrebspatientinnen eine starke Anhäufung von Aluminium zu finden war. Eine nachträgliche Befragung ergab, dass die Patientinnen im durchschnitt mehr bzw. öfter aluminiumhaltiges Deo verwendet haben als gesunde Kontrollpersonen. Die Methode der nachträglichen Befragung ist allerdings höchst zweifelhaft, weswegen die Ergebnisse sehr kritisch bewertet werden. Unklar ist ebenfalls, ob zuerst mehr Aluminium in den Zellen war, bevor sie entartet sind, oder ob es sich erst nachher angesammelt hat. Andere Untersuchungen konnten den britischen Befund nicht bestätigen. So veröffentlichte eine brasilianische Klinik im Jahr 2013, dass sie keinerlei Unterschiede im Aluminiumvorkommen bei Brustkrebspatientinnen nachweisen konnte.

Sowohl im Falle der Alzheimer-Krankheit, als auch beim Brustkrebs ist außerdem der Ursprung des angereicherten Aluminiums im Körper höchst spekulativ. Klar ist, dass wir täglich geringe Mengen Aluminium mit unserer Nahrung aufnehmen, da es natürlicherweise in Obst, Gemüse und Getreide vorkommt. Der Großteil verlässt unseren Körper wieder, aber kleinere Mengen können sich auch ansammeln. Inwieweit im Körper gefundenes Aluminium aus der Nahrung stammt, oder aus verwendeten Deos, darüber wird viel gestritten. Es besteht eindeutig noch ein großer Forschungsbedarf.

Das Bundesministerium für Risikobewertung mahnt zur Vorsicht

Aufgrund der unklaren wissenschaftliche Lage hat das Bundesministerium für Risikobewertung (BfR) bereits im Jahr 2014 Verbraucher sehr deutlich dazu aufgerufen, im Zweifel lieber auf aluminiumhaltige Deodorants zu verzichten. Auf diese Weise könne ein mögliches Gefahrenpotential minimiert werden. Das BfR betont, dass es zwar keine eindeutigen Belege für eine gesundheitsschädigende Wirkung durch Aluminiumsalze in Deos gibt, allerdings können bestehende Vermutungen in diese Richtung auch nicht klar widerlegt werden. Die verbreitete Devise lautet hier also: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hat bereits im Jahr 2008 einen Grenzwert festgelegt, der die wöchentliche Aufnahme von Aluminium beschränken soll. Nach ihrem Dafürhalten sollte eine wöchentliche Aufnahme von einem Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht nicht regelmäßig überschritten werden. Wie viel Aluminium wir aber tatsächlich aufnehmen ist völlig unklar. Das BfR schätzt im Jahr 2019 aber, dass der gesetzte Grenzwert von den meisten Menschen relativ schnell erreicht wird. Nach seinen Berechnungen nehmen Verbraucher allein über die Nahrung die Hälfte der duldbaren Menge an Aluminium auf. Kommen dann noch kosmetische Produkte hinzu, könne laut BfR der von der Efsa festgelegte Grenzwert sehr schnell erreicht und überschritten werden.

Eine französische Erhebung aus dem Jahr 2019 schätzt das Risiko einer permanent zu hohen Aufnahme vor allen Dingen bei Jugendlichen als sehr hoch ein. In dieser Altersgruppe, werden sehr häufig kosmetische Produkte genutzt, über die Aluminium in den Körper gelangen könne. Besonders Frauen seien daher stärker von diesem Risiko betroffen.

Ob diese Dosis aber tatsächlich gesundheitsschädlich ist, darüber äußert sich das Bundesministerium nicht. Es ist allein die Ungewissheit darüber, die Anlass zur Vorsicht bietet. In einem Übersichtsartikel im deutschen Ärzteblatt aus dem Jahre 2017 weist die Umweltmedizinerin Dr. Katrin Klotz von der Universität Erlangen-Nürnberg darauf hin, dass das Einhalten der Grenzwerte dazu dient, auch subklinische Veränderungen im menschlichen Körper zu verhindern. Also solche, die noch nicht zu sichtbaren Schäden geführt haben. Große epidemiologische Studien zur klaren Bewertung des Einflusses aluminiumhaltiger Antitranspirantien hält sie für absolut wünschenswert.

Sind Deos ohne Aluminium zuverlässig?

Stiftung Warentest untersuchte im Jahr 2014 vierundzwanzig unterschiedliche Deos. Dabei stellte sich heraus, dass eine antitranspirante Wirkung, die, wie sie selbst erklärten, nur mit der Verwendung von Aluminiumsalzen gewährleistet werden kann, nicht zwingend notwendig für ein wirksames Deo sein muss. Mehrere aluminiumfreie Produkte schnitten mit Bestnoten im Praxistest ab. Bei diesem Test stuften speziell ausgebildete Sniffer bei Probanden die Wirksamkeit des verwendeten Deos ein, nachdem sie durch Sport oder Wärmekammern zum schwitzen gebracht wurden. Deos ohne Aluminiumsalze reduzieren zwar nicht die Menge des produzierten Schweißes, wohl aber dessen Geruch.

Das online Magazin Ökotest, das weniger die Funktionalität, als die Inhaltsstoffe in den Fokus ihrer Untersuchung stellt, wies darauf hin, dass viele Deos neben den umstrittenen Aluminiumsalzen auch Silikone enthielten und riet von Produkten mit beiden Inhaltsstoffen ab. Ökotest wies auf Naturkosmetikprodukte hin, die aus seiner Sicht eher zu empfehlen sind.

Im Gegensatz zu den meisten chemischen Zusatzstoffen dürfen Aluminiumsalze allerdings in Naturkosmetik verwenden werden, da es sich um natürlich vorkommende Verbindungen handelt. Eine Verwendung derartiger Produkte garantiert also keine Aluminiumfreiheit. Interessanterweise sind es gerade vermeintliche natürliche Alternativen zu den üblichen Sprühdeos, die einen enormen Anteil an Aluminiumsalzen enthalten. Deokristalle sind künstlich gezüchtete Minerale, in denen ein Aluminiumgehalt von bis zu 30% nachgewiesen werden konnte. Oftmals wird bei der Produktbeschreibung die Bezeichnung Alaun verwendet, die nicht nach Aluminium klingt, aber ein Gemisch aus Kali- und Aluminiumsalz bedeutet. Vor der Verwendung der Deokristalle sollen sie angefeuchtet werden, dadurch lösen sich die Salze und können auf die Haut aufgetragen werden. Hier entfalten sie ihre bekannte Wirkung, nämlich den Verschluss der Poren und eine Reduktion der Sekretion von Schweiß. Nach aktuellen Kenntnissen über die Funktionsweise von Deos, ist ihre Wirkung sicherlich als effizient einzuschätzen. Außerdem sie sind frei von Duftstoffen und anderen kritischen Inhaltsstoffen, wie Silikonen oder Parabenen. Dennoch ist die Strategie, sie als gesundes natürliches Produkt zu vermarkten, aufgrund der unklaren Lage zur gesundheitlichen Wirkung der Aluminiumsalze ziemlich unglücklich. Es mag sich herausstellen, dass Aluminiumsalze in Deos unbedenklich sind, aber zum jetzigen Zeitpunkt gibt es darüber eben keine wirkliche Gewissheit.